Inner Work

Wir-Intelligenz fängt bei mir an.

Kennen Sie das, sie verlassen eine Teamsitzung, ein wichtiges Gespräch. Erst Stunden später, am Abend, vielleicht sogar in der Nacht, wird Ihnen klar, dass irgendetwas nicht passt. Sie merken eine Bemerkung hat sie getroffen, eine Entscheidung wurde mehr als vorschnell getroffen … Eigentlich können Sie das Ergebnis gar nicht mittragen, aber in der konkreten Situation fiel Ihnen es gar nicht auf. Sie waren innerlich zu beschäftigt, abgelenkt, vielleicht im Stress.

Mir persönlich ging es lange Zeit so, dass in Gesprächen mit anderen, die Meinung und Position des anderen so präsent war, dass ich selbst ganz eingenommen war von der Meinung meines Gegenübers. Meine Meinung, Gedanken und Gefühle nahm ich gar nicht mehr wahr, habe nichts anderes gespürt. Meine Frau nennt das „sich wegklappen“.
Aber im Nachgang merke ich immer wieder, irgendetwas passt nicht für mich. Eigentlich sehe ich es anders. Meist war ich jedoch zu bequem etwas zu unternehmen, der nächste Termin stand an, das nächste Thema vor der Tür. Das einzige, was mir im Laufe der Zeit auffiel: in obigem Kontext zugesagte Aufgaben zu erledigen war zunehmend anstrengend, meine Energie und Motivation nahmen stetig ab.

Beides Szenarien, die ich in meinem Leben leidlich erlebt, ja sogar für normal gehalten habe. Eines Tages jedoch erlebte ich Runden, die anders miteinander umgingen. Ich wurde dort überrascht durch eine überdurchschnittlich große Aufrichtigkeit, Präsenz und Achtsamkeit.

Man fragte sogar explizit nach meiner Meinung: Was wäre denn eigentlich aus meiner Sicht in dieser Situation das Optimum? Mein Optimum? Zuerst verstand ich die Frage gar nicht, richtete intuitiv alle meine inneren Kräfte sofort darauf aus, einen Kompromissvorschlag zu finden, der meines Erachtens für alle anwesenden Parteien passen könnte. Fand ich diesen nicht, blieb ich still. Ich hatte im Laufe meines Lebens die Einsicht gewonnen, entweder ein Einzelner dominiert und entscheidet, oder ich biete lieber gleich einen Kompromiss an. Dies erschien mir als der schnellste Weg, um gemeinsam zu einem halbwegs zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen. Die Frage nach meinem Optimum und die oben beschriebene Erfahrung bewirkte, dass ich mein über Jahrzehnte erlerntes Muster in Gesprächsrunden überdachte. War ich mir meines Optimums bewusst? Hatte ich überhaupt den Mut, die für mich optimal erscheinende Lösung zur gestellten Frage auszusprechen? Ehrlich gesagt, nein.

Die Gründe für mein Verhalten waren vielfältig. Einerseits hatte ich Angst davor meine Zugehörigkeit in der Gruppe zu verlieren, wenn meine Meinung den Anwesenden missfallen hätte. Andererseits hätte ich mich lächerlich machen können, weil ich mich in der angesprochenen Thematik nicht so gut auskannte, wie andere im Raum. Einen Kompromiss habe ich als angenehme Lösung gesehen, da ich schon in vielen anderen Teamarbeiten gelernt hatte, dass ich das Einbeziehen aller anderen Meinungen besonders gut beherrschte. Nur war mir leider oft überhaupt nicht mehr bewusst, was meine eigene Überzeugung ist – und wie ich diese in der Gruppe vertreten konnte.

Wenn ich Menschen wirklich vertraue, traue ich diesen auch zu, mein Optimum zu hören und zu ertragen, um danach deren Optimum zu hören, in einen guten Austausch darüber zu kommen und eine gemeinsam getragene Lösung zu finden. Immer wieder eröffnen sich dadurch ganz neue Ideen. Übrigens je häufiger uns dies gelingt, desto besser und nachhaltiger sind die Ergebnisse.

Ich durfte lernen, wie wunderschön es ist, echtes Vertrauen in der Zusammenarbeit mit anderen zu erleben, meine Ideen, Meinungen und Empfindungen ungefiltert äußern zu können und in einem anschließenden Dialog zur „besten“ gemeinsamen Lösung zu finden. Diese Lösungen waren teilweise sogar komplett konträr zu meiner ursprünglichen Meinung. Aber im Dialog und in der Sache stellte sich diese dann sehr oft als die beste Lösung dar. Ich konnte sie mittragen, da zuvor meine Einwände gehört und diskutiert worden waren.

Eines der Schlüsselfelder für eine nachhaltige und hohe Wir-Qualität ist, dass sich der Einzelne aufrichtig mit seiner Sicht und seinen Ideen einbringen kann. Darüber hinaus gilt es eine Kultur zu bauen, die psychologische Sicherheit bietet, respektvoll mit den einzelnen Positionen umgeht und diese konstruktiv in den sachlichen Kontext integriert.

Eine Grundvoraussetzung, damit dies gelingt: Selbstreflexion und Selbstbewusstheit eines jedes Einzelnen. Natürlich gehen mir auch heute noch Themen nach, kommen mir gute Gedanken am Abend danach, aber meine Fähigkeit wächst, mir in der aktuellen Situation bewusst zu werden, was ich will, was ich denke und was ich für die beste Option halte. Und diese darf neben der der anderen stehen.

Immer wieder fasziniert mich, wenn ich ein Umfeld und Menschen erlebe, die diese Qualitäten besitzen. Nicht nur die Lösungen sind dramatisch besser, auch die Menschen sind glücklicher. Das ist echter WeQ!