Dr. Mirriam Prieß

Der innere Dialog

Wenn die Rede vom inneren Dialog ist, denken viele Menschen zunächst, es handele sich um ein inneres Zwiegespräch – das ist aber nicht ganz richtig. Der innere Dialog meint, im Kontakt mit sich selbst zu sein, und symbolisiert das innere Gleichgewicht. Mit sich im Dialog zu sein heißt, in sich zu ruhen, die innere Mitte gefunden zu haben, das zu tun, was dem eigenen inneren Wesen entspricht, man selbst zu sein. Woran kann ich erkennen, dass ich mit mir im Dialog bin? Diese Frage stellen sich viele, die sich das erste Mal mit dem Dialogprinzip – und im Zuge dessen auch mit sich selbst – beschäftigen. So verschieden Menschen sind, so verschieden sind auch die möglichen Antworten auf diese Frage – und so kann sie nur individuell, von jedem Betroffenen selbst, beantwortet werden. Sie ist aber entscheidend für die eigene Gesundheit und Widerstandsfähigkeit. Jeder, der gesund und widerstandsfähig werden will, muss wissen, was der innere Dialog für ihn persönlich bedeutet – und er braucht Kriterien, die ihm helfen zu erkennen, ob er sich im inneren Dialog befindet. Wie wir Menschen tatsächlich sind, zeigt sich in Stresssituationen und unter Belastung – in diesen Momenten handeln wir nicht bewusst, sondern unbewusst. Dann zeigt sich, was ist und was nicht, unabhängig von Vernunft, Verstand und guten Vorsätzen. Das heißt im Umkehrschluss, dass Dialogfähigkeit verinnerlicht werden muss: Sie muss zu einer unbewussten selbstverständlichen Haltung werden, damit sie in entscheidenden Situationen zum Tragen kommt. Dies erfordert wie jede andere Fortentwicklung regelmäßiges Training. Übung macht auch hier den Meister. Vor diesem Hintergrund gilt es zu trainieren, tagtäglich an den Voraussetzungen des inneren Dialogs zu arbeiten – so lange, bis diese Ihnen „in Fleisch und Blut übergegangen sind“. Welche Voraussetzungen für den inneren Dialog notwendig sind, möchte ich Ihnen im Folgenden beschreiben.

Sich für sich selbst zu interessieren heißt übersetzt, sich verstehen zu wollen. Neugierig auf sich selbst zu sein. Lust auf sich selbst zu haben.

Interesse

Wer sich nicht für sich selbst interessiert, der wird gar nicht erst versuchen, in Beziehung zu sich zu treten, geschweige denn, in den inneren Dialog zu finden. Für viele Betroffene hört der innere Dialog schon dort auf, wo dieser seinen Anfang hat: beim Interesse für sich selbst. Haben Sie sich einmal gefragt, ob Sie sich selbst mit Interesse begegnen? Und worin sich echtes Interesse äußert? Interessieren Sie sich für sich – so wie Sie sind? Oder interessiert Sie mehr, ob Sie funktionieren? Behandeln Sie sich selbst als Mittel zum Zweck? Oder sind Sie daran interessiert, wer Sie wirklich sind? Diese Fragen gilt es auf dem Weg zum inneren Dialog für sich zu beantworten. Wie entwickelt man Interesse für sich selbst? Sich für sich selbst zu interessieren heißt übersetzt, sich verstehen zu wollen. Neugierig auf sich selbst zu sein. Lust auf sich selbst zu haben. Sich erfahren und kennenlernen zu wollen. Der Grundstein für echtes Interesse wird in den ersten Lebensjahren gelegt. Hinter fehlendem Eigeninteresse verbergen sich gemeinhin zwei Muster: Entweder haben die Betroffenen nie gelernt, sich für sich selbst zu interessieren, weil sich während ihrer ersten Lebensjahre niemand für sie interessiert hat, oder sie befinden sich bereits in der Phase der Erschöpfung oder des inneren Rückzugs, nachdem sie sich selbst über Jahre hinweg vernachlässigt haben. Das Gefühl, sich nicht mehr für sich selbst zu interessieren, nicht mehr wissen zu wollen, was einen bewegt, ist für viele Betroffene erst einmal erschreckend. Viele stehen sich selbst sprachlos gegenüber und haben das Gefühl, in einen dunklen Raum zu blicken. Verlorenes Interesse sich selbst gegenüber ist das unmissverständliche Zeichen, dass der Betroffene sich in der letzten Phase des Dialogmodells, im inneren Rückzug sich selbst gegenüber befindet. Der erste Schritt, um in den Dialog zu finden, heißt zu beginnen, sich aktiv für sich zu interessieren.

Empathie

Empathie ist nicht nur für den äußeren Dialog, sondern auch für den inneren Dialog entscheidend. Wer sich selbst gegenüber nicht empathisch ist, der wird sich selbst nicht wirklich begegnen können. Fehlende Empathie sich selbst gegenüber ist eine zentrale Ursache für die Unfähigkeit, Krisen zu bewältigen. Eine Krise zu bewältigen heißt, sich selbst zur Seite zu stehen – und sich selbst zur Seite stehen heißt, sich in allem, was ist, in jeder Lebenssituation und in jeder Lebenslage, in schwachen und starken Momenten, zu verstehen und zu akzeptieren. Es heißt, sich selbst zu fühlen – und auf dieser Grundlage verstehen zu lernen. Betroffenen, die sich in ihrem Leben erschöpfen, fehlt dieses Verständnis für sich selbst. Sie stehen sich häufig emotional wortlos oder sprachlos gegenüber oder aber sie begegnen sich selbst mit einer ausgeprägten inneren Härte. Empathie sich selbst gegenüber heißt, bei sich zu bleiben und sich verstehend gut zu sein – in jeder Situation. Wem die Empathie sich selbst gegenüber fehlt, dem fehlt gleichsam die Heizung im eigenen Haus. Ohne Wärme wird sich niemand wirklich öffnen. Empathie ist eine wichtige Voraussetzung dafür.

Offenheit

Mit sich in den Dialog zu treten kann nur gelingen, wenn man offen für sich selbst ist. So wie der äußere Dialog nicht zustande kommt, wenn die Beteiligten ihre Türen verschlossen halten, so wird der innere Dialog unmöglich, wenn sie sich ihrem Inneren verschließen. Interessanterweise gehört für viele Menschen mehr Mut dazu, sich selbst offen zu begegnen als ihrer Umwelt. Ursache dafür sind verdrängte Minderwertigkeitsgefühle und tiefsitzende Ängste, die den Betroffenen oft nicht einmal bewusst sind. Sie fürchten im tiefsten Inneren, „nichts“ zu sein, und versperren sich deshalb den Zugang zu sich selbst. Wer aber sich selbst gegenüber verschlossen bleibt, kann nicht erfahren, wer er tatsächlich ist, und beraubt sich der Chance, der Welt mit substanzieller Stärke zu begegnen. In solchen Fällen spricht man von einem narzisstischen Persönlichkeitsmuster: Auf der Flucht vor sich selbst knallen die Betroffenen gleichsam ängstlich alle Türen hinter sich zu und bauen davor ein neues Bild von sich auf, das sich an der Vorstellung des grenzenlosen Superlativs orientiert. Nach diesem versuchen sie verzweifelt zu leben und erschöpfen darüber nicht nur sich selbst, sondern häufig auch ihr Umfeld.

Während einige Menschen sich selbst gegenüber vollkommen verschlossen sind, machen andere erst ab einem bestimmten Punkt „die Tür zu sich selbst zu“. Es ist meist der Moment, in dem eigene Schattenseiten und Schwächen erkannt werden. Anstatt an ihnen zu arbeiten, wird lieber schnell vor ihnen „dichtgemacht“. Überzeugungen wie „Das, was nicht sein darf, ist auch nicht“ oder „So bin ich auf keinen Fall“ verstellen den Blick auf sich selbst und nehmen den Betroffenen die Möglichkeit, angemessen zu handeln. Wer sich nicht so sieht, wie er ist, der wird auch nicht entscheiden können, was er braucht, und dementsprechend nicht für sich und seine Gesundheit sorgen können. Jeder von uns ist so stark, wie seine schwächste Seite ist. Resilienz basiert auf der Bereitschaft, eigene Schwächen zu erkennen und zu lernen, mit ihnen umzugehen. Wer an einem falschen Selbstbild festhält und es zu erfüllen sucht, macht sich ebenso angreifbar wie derjenige, der bestimmte Seiten von sich verleugnet. In einer Illusion gefangen bleiben beide schwach in der äußeren Begegnung und schwach im Handeln. Verunsichert werden sie kein starkes Gegenüber bieten können. Wer in den inneren Dialog und zur psychischen Stärke finden will, der muss die Tür zu sich selbst öffnen – und von falschen Selbstbildern und fixen Vorstellungen Abschied nehmen. Wem dies gelingt, der wird erkennen, dass Identität nicht von dem abhängt, was wir sein wollen, sondern von dem, was wir tatsächlich sind. Er wird zu sich selbst finden und entsprechend stark und substanziell im Außen auftreten – egal, wie es um ihn herum stürmt und tobt.

Woran erkenne ich, dass ich mir selbst gegenüber offen bin? Sie erkennen, ob Sie sich selbst gegenüber offen sind, wenn Sie sich nicht nur auf der rationalen, sondern auch auf der emotionalen Ebene offen begegnen. Das heißt, Sie erkennen sich nicht nur gedanklich, sondern Sie fühlen sich auch. Weitere Kriterien einer offenen Haltung sich selbst gegenüber sind Interesse und das Bemühen, sich selbst zu verstehen. Viele Betroffene beschreiben noch eine weitere Möglichkeit: Um zu erkennen, ob sie offen sind, prüfen sie, ob sie in sich einen Widerstand spüren, und orientieren sich an diesem Gefühl. Fühlen Sie ganz bewusst in sich hinein und finden Sie heraus, wann Sie sich selbst gegenüber „dichtmachen“. Die meisten Menschen erleben diese Situationen so, als würden sie aufhören zu fühlen. „Ich finde in solchen Momenten nur noch im Kopf statt“, berichtete eine Führungskraft. „Wenn es schwierig wird, verhärte ich innerlich richtiggehend“, erklärte mir ein Anwalt.

Augenhöhe

Augenhöhe ist eine zentrale Voraussetzung für den Dialog. Ohne Augenhöhe ist eine Krisenbewältigung nicht möglich. Wer im Außen die Augenhöhe verliert, hat zuvor bereits die Augenhöhe sich selbst gegenüber aufgegeben. Erinnern wir uns daran, dass es die subjektive Bewertung ist, die aus einer Situation Stress macht. Nicht nur die Frage, wie wir die Situation und unser Gegenüber bewerten, entscheidet, ob wir auf Augenhöhe bleiben, sondern auch die Frage, wie wir uns selbst bewerten. Wer sich selbst als ohnmächtig erlebt, wird sein Gegenüber als übermächtig erleben. Die Wahrnehmung der Welt spiegelt umgekehrt unsere Selbstwahrnehmung: Wer sich klein, schwach und minderwertig fühlt, der setzt automatisch das Gegenüber in eine Machtposition. Das heißt, die Bewertung der eigenen Person ist Grundlage jeder Bewertung der äußeren Situation und des Gegenübers. Wer im Außen stark sein will, der sollte zuallererst einmal den Blick auf sich selbst richten und sich fragen, wie er sich selbst sieht. Er sollte sich fragen, ob er auf sich herab- oder zu sich aufschaut oder ob er sich auf Augenhöhe begegnet. Denn nur wer sich selbst auf Augenhöhe begegnen kann, ist auch dazu in der Lage, das Außen richtig einzuschätzen. Menschen verlieren sich in Krisensituationen, weil sie die Augenhöhe sich selbst gegenüber und damit den Blick für sich selbst verlieren. Je mehr dies geschieht, desto stärker wird das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins. Sich „richtig zu sehen“ heißt, dazu in der Lage zu sein, mit sich in den Dialog zu treten. Offen für sich selbst zu sein und sich auf Augenhöhe zu begegnen. Nur wer sich auf Augenhöhe begegnet, kann erkennen und erfahren, wer er ist, und Krisen meistern.

Respekt und Wertschätzung

Befragt man Betroffene nach ihrem Wert und ihrem Respekt sich selbst gegenüber, so fällt den meisten die Antwort darauf schwer. Würde man Ihnen die Frage nach Ihrem Wert stellen, was würden Sie antworten? Sind Sie sich Ihres Wertes bewusst? Respektieren Sie sich? Respekt und Wertschätzung sind gleichermaßen Voraussetzung wie Ausdruck des inneren Dialogs. Wertschätzung heißt: sich in seinem Wert zu erkennen und sich anzunehmen, wie man ist. Dies äußert sich in folgender Haltung: „Gut, dass ich da bin. Schön, dass es mich gibt. Das heißt nicht, dass ich alles gutheiße, was ich tue. Aber mich, ich als derjenige, der ich bin, den heiße ich gut!“ Auf der Grundlage dieses bedingungslosen Jas gilt es, sich selbst zu begegnen, sich in seinem Wert zu erkennen, zu schätzen und anzunehmen. Dialogfähigkeit setzt voraus, den eigenen Wert zu kennen und sich zu respektieren. Nur wer dies tut, wird auch dem Außen respektvoll begegnen – und mit Respekt behandelt werden. Wer um den eigenen Wert weiß, der muss ihm im Außen nicht nachjagen. Unabhängig von der Bestätigung anderer gelingt es ihm, wo nötig Grenzen zu ziehen und sich selbst zu schützen. Wer sich selbst respektiert und sich seines Wertes gewiss ist, wird sich automatisch und selbstverständlich nur in Situationen begeben, in denen man ihm angemessen begegnet. Verletzende und erniedrigende Situationen in Systemen oder Beziehungen wird er ohne Wut und ohne vergeblichen Kampf erhobenen Hauptes verlassen können. Aus dem selbstverständlichen Gefühl „Das ist nichts für mich“ heraus wird er angemessen handeln können. Wer sich selbst angenommen hat, der wird für sich sorgen – weil er gar nicht anders kann, als selbstverständlich und selbstverantwortlich zu handeln. Auf dieser Basis von Wertschätzung entsteht erst die Fähigkeit zu einer echten Wertschätzung im Außen. Menschen, die erschöpft zu mir in die Beratung kommen, weil sie so lange in schwierigen Situationen verharren, bis diese zur Krise werden, wissen nicht um ihren eigenen Wert, und häufig fehlt ihnen vor diesem Hintergrund der Respekt sich selbst gegenüber. Sie besitzen sich selbst gegenüber nicht die fundamentale Haltung des bedingungslosen Jas. Ob es nun die Frau ist, die nicht genug Selbstwertgefühl hat, um sich aus einer Partnerschaft zu lösen, von der sie weiß, dass sie ihr schadet, oder der Mann, der sich in einer beruflichen Konstellation immer mehr verbrennt, weil er den eigenen Wert nur über Leistung definiert – wer sich in seinem Wert verkennt, sich nicht selbst annimmt, der läuft Gefahr, den Respekt vor sich selbst einzubüßen und sich darüber in bodenlosen Situationen zu verlieren, und so von einer Krise in die nächste geraten.

Zusammenfassung

Die innere Dialogfähigkeit ist Grundlage für den gelingenden äußeren Dialog – zwischenmenschlich, in dem, was wir tun und zum Leben an sich. Erfüllte Beziehung, beginnt bei der erfüllten Beziehung mit und zu sich selbst.