Das Zeitalter der Einzelkämpfer ist vorbei

Von der IQ- zur WeQ-Intelligenz: Potenzialenfaltungsgemeinschaften

„Die Zeit, in der ein einzelner Chemiker noch eine neue chemische Reaktion entdecken konnte, mit deren Hilfe es möglich wurde, neuartige chemische Verbindungen zu synthetisieren und damit neue Märkte zu erschließen, ist ein für alle Mal vorbei.“

Diese Erkenntnis stammt vom Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines weltweit führenden Chemiekonzerns. Ergänzt hat er diese Einschätzung mit der Schlussfolgerung, dass in der Chemie seit einigen Jahren ein sogenannter „Deckeneffekt“ erreicht sei und etwas Neues auf diesem Gebiet nur noch durch das konstruktive Zusammenwirken von Forschern und Entwicklern aus unterschiedlichen Disziplinen mit unterschiedlichen Expertisen entstehen könne. Das Zeitalter der Einzelkämpfer sei vorbei, weiter gehe es künftig nur noch gemeinsam.

Man muss kein Zukunftsforscher sein, um vorherzusagen, dass nicht nur die Chemie, sondern alle anderen Wissenschaftsdisziplinen vor dem gleichen Problem stehen: Was ein Einzelner in seinem Bereich zu leisten vermag, zu welch beeindruckenden Erkenntnissen und Entdeckungen er als Einzelner gelangen oder getrieben werden kann, haben wir uns bereits zur Genüge bewiesen – und zwar im Rahmen unserer bisherigen, vom Wettbewerb geprägten Leistungsgesellschaft, ganz besonders auch an unseren Universitäten.
Primär ging es dabei um die Entfaltung individueller Talente und Begabungen, also eines in einzelnen Personen angelegten Potenzials.

Diese Phase war notwendig. Wie sonst hätten wir jemals in Erfahrung bringen können, wozu ein einzelner Mensch in der Lage ist: wie weit er springen, wie schnell er laufen, wie viel er erkennen und lernen, und was er alles als Individuum bewirken kann.

Sicher wird es hier und da noch Gebiete geben, in denen das, was ein Einzelner dort zu leisten vermag, noch nicht bis in den Grenzbereich des Absurden ausgelotet worden ist. Aber die Zukunft des Erkenntnisgewinns im 21. Jahrhundert liegt auf einer anderen Ebene. Jetzt geht es um die Entfaltung derjenigen Potenziale, die in menschlichen Gemeinschaften angelegt sind und die nur durch das freiwillige, selbstbestimmte, offene und konstruktive Zusammenwirken von gut ausgebildeten Spezialisten und Experten zur Entfaltung kommen können.

Das in solchen Gemeinschaften verborgene Potenzial können wir gegenwärtig nur erahnen. Gelegentlich tritt es in Form bestimmter, herausragender Leistungen von mehr oder weniger zufällig entstandenen Gemeinschaften bereits zutage. Wikipedia ist solch ein Beispiel, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ein anderes. Auch im Mannschaftssport kommt dieses als Teamgeist bekannte Potenzial bisweilen zur Entfaltung. Bisher ist über die Voraussetzung, unter denen solche „Potenzialentfaltungsgemeinschaften“ entstehen, und über die Bedingungen, die sie stabilisieren, nur wenig bekannt.

Vieles spricht dafür, dass sie in ähnlicher Weise organisiert sind und auf ähnliche Weise funktionieren, wie unser eigenes menschliches Gehirn. Auch im Gehirn ist für die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems nicht die Anzahl der Nervenzellen oder der Differenzierungsgrad einzelner Neuronen entscheidend. Die Leistungsfähigkeit ist das Ergebnis des Zusammenwirkens von abermillionen Nervenzellen. Sie ist von der Qualität und Intensität der Verknüpfungen bestimmt, die diese einzelnen Nervenzellen miteinander verbinden. Auch im Gehirn wäre es fatal, wenn beispielsweise die Amygdala und der Hippocampus miteinander konkurrierten und sich gegenseitig zu beweisen versuchten, wer von beiden bedeutsamer und wichtiger ist.

Auch im Gehirn kann eine einzelne Nervenzelle, also beispielsweise eine Pyramidenzelle im Cortex, ihr Potenzial nur dann entfalten, also ihre mit Milliarden von synaptischen Kontakten versehenen Fortsätze und Verknüpfungen in optimaler Weise ausbilden, wenn sie nicht von anderen Nervenzellen unter Druck gesetzt und zu vorschneller Differenzierung und Spezialisierung getrieben wird. Und aufrechterhalten kann jede einzelne Nervenzelle ihre vielfältigen, komplexen Verknüpfungen mit anderen Nervenzellen auch nur so lange, wie diese Verbindungen auch immer wieder benutzt, aktiviert und auf diese Weise stabilisiert werden.
In prinzipiell ähnlicher Weise können auch die Mitglieder einer menschlichen Gemeinschaft die in jedem Einzelnen angelegten Potenziale nur dann entfalten, solange sie nicht zur Ausbildung einzelner Teilfähigkeiten auf Kosten anderer gezwungen werden. Und ähnlich wie im Gehirn kann die Komplexität und Vielfalt der Beziehungen, die jedes einzelne Mitglied einer Gemeinschaft mit den anderen verbindet, nur solange aufrechterhalten werden, wie diese Verbundenheiten auch immer wieder gebraucht, genutzt und dadurch stabilisiert werden.

Konkret heißt das für menschliche Gemeinschaften, dass sie keine vielfältigen und komplexen Beziehungen zwischen ihren Mitgliedern bilden können, wenn sie sich unter Druck herausformen, sei es der Druck äußerer Bedrohung, existenzieller Bedrohung oder durch Konkurrenzkampf. Das Überleben als Gemeinschaft ist dann nämlich nur durch den Rückgriff auf alte, relativ robuste und deshalb auch relativ primitive Beziehungsmuster gewährleistet.
Ebenso wenig können komplexe Beziehungen zwischen den Mitgliedern einer menschlichen Gemeinschaft herausgebildet und aufrechterhalten werden, wenn die Komplexität der Beziehungen dadurch in Frage gestellt wird, dass diese Gemeinschaft sich nur zum Zweck der Erreichung eines bestimmten Zieles herausgeformt hat. Denn dann kommt es zwangsläufig darauf an, dass jedes Mitglied sich an diesem zu erreichenden Ziel orientiert und dafür seine dieser Zielerreichung dienlichen Beziehungen verstärkt, was meist auf Kosten der diesem Zweck nicht dienlichen Beziehungen geht.

Im Gehirn geschieht das immer dann, wenn das gesamte Denken, Fühlen und Handeln einer Person von einer bestimmten Vorstellung, einer fixen Idee bestimmt wird, wie das in besonders extremer Ausprägung bei Wahnvorstellungen oder Zwangsstörungen der Fall ist. Auch ein soziales System, das sich an festen kollektiven Vorstellungen oder irgendwelchen Ideologien ausrichtet, wird einfacher, verliert an Komplexität und Kreativität. Seine Mitglieder sind unter diesen Bedingungen gezwungen, ihre Beziehungen an die Erfordernisse der gemeinschaftlich verfolgten Zielorientierung anzupassen. Wenn das Ziel erreicht ist, zerfallen solche Zweckgemeinschaften meist sehr rasch.

Wenn es in einer Gemeinschaft oder in einem Gehirn gelingen soll, dass jedes einzelne Mitglied das in ihm angelegte Potenzial optimal zur Entfaltung bringen kann, so müsste das Zusammenwirken der vielen Einzelnen also weder durch Druck („wir müssen zusammenhalten, um bestehen zu können“) noch durch Zug („wir sollten zusammenarbeiten, um unser Ziel zu erreichen“) organisiert werden. Es müsste sich freiwillig herausbilden, nicht weil man muss oder soll, sondern weil die Mitglieder herausfinden und erproben wollen, wozu sie als Einzelne und sie alle als Gemeinschaft tatsächlich fähig sind. Eine solche Gemeinschaft wäre dann eine Potenzialentfaltungsgemeinschaft.

Solche Gemeinschaften würden sich dann auch an all jene Aufgaben heranwagen, die nur in einer gemeinsamen Anstrengung und mit dem Gefühl von Freude und Leichtigkeit und der dadurch freigesetzten Kreativität lösbar sind. Was sie als „Nebenprodukt“ hervorbringen, wären dann zwangsläufig auch die außergewöhnlich innovativen Höchstleistungen, auf die wir im ausklingenden Zeitalter der Einzelkämpfer nun schon seit geraumer Zeit vergeblich warten.